Das Belvédère auf der Furka - das berühmteste Passhotel der Welt.

Das Belvédère auf der Furka ist das berühmteste Passhotel der Welt. Trotzdem droht es für immer geschlossen zu bleiben. Was ist schiefgelaufen?


Das «Belvédère» ist eine Ikone und dennoch seit Jahren geschlossen. Das Hotel steht für die goldene Zeit der Schweizer Hotellerie – und für den schwierigen Umgang mit ihrem Erbe.


Es ist das vielleicht berühmteste Passhotel der Welt: Der Bau aus der Belle Époque steht so präzise in der Kehre an der Furka, als ob die Strasse einst um ihn gelegt worden wäre. Das Bild ziert zahllose Postkarten und noch mehr Instagram-Accounts. Und auch an diesem Morgen im Juni drängen sich die Menschen auf der Terrasse, um das Sujet aus der immergleichen Perspektive zu fotografieren: Frontalansicht von Steinfassade, Mansardendach und rotem Panoramarestaurant. Nicht der Rhonegletscher ist die Ikone auf dem Furkapass. Sondern das «Belvédère».


Das Innere des Hotels wirkt, als ob man ein gesunkenes Schiff beträte. Nichts von dem Lärm und nur wenig vom Tageslicht drängt hinein. Im von aussen so markanten Panoramarestaurant stapeln sich Wiener Stühle und Tische. Manche Fenster sind zerschlagen, die Toiletten mit Band abgesperrt. Im Rosensaal, in dem einst Feste gefeiert wurden, sind die Tische zur Seite geschoben. In der Ecke steht eine hölzerne Standuhr. Seit sieben Jahren ist Viertel vor drei.


«Es ist schade, was auf dem Furkapass passiert ist», sagt der Architekturhistoriker Roland Flückiger-Seiler. «Hier hätte man gute Voraussetzungen gehabt, die Hotels erfolgreich weiterzuführen.» Das «Belvédère» erzählt die Geschichte einer Familie, die mit dem Loslassen hadert, und einer Region, die trotz ihrer geografisch wichtigen Lage in der Bedeutungslosigkeit versunken ist. Doch das «Belvédère» steht auch für eine grössere Frage. Jene, wie wir mit dem Erbe aus den goldenen Jahren des Tourismus in der Schweiz umgehen sollen – und ob wir es erhalten können.


Philipp Carlen löscht das Licht im Rosensaal. Der Lichtschalter ist rosenverziert, es ist das gleiche Muster, das die Wände schmückt. Carlen, 61 Jahre alt, hat die Tapete selber ausgesucht und aufgezogen. Er geht in den nächsten Raum, in dem Sessel um einen Kamin arrangiert sind, und sagt: «Hier sassen wir bis in die frühen Morgenstunden, als Christoph Blocher und seine Frau zu Besuch waren.» Die Familie Carlen ist Besitzerin des verlassenen Hotels. Und Philipp Carlen war der Direktor, der es schliesslich zugesperrt hat.


An Gratiswerbung mangelte es nie. In den 1960ern raste Sean Connery als James Bond um die Spitzkehren. Die berühmte Frontalaufnahme des «Belvédère» prangt auf dem Cover des Bestsellers «Accidentally Wes Anderson»; der Hollywood-Regisseur selbst drehte mit «Grand Budapest Hotel» einen Abgesang auf die schillernde Zeit der Hotels aus der Belle Époque. Zuletzt filmten sich Red-Bull-Rennfahrer, wie sie um das Hotel driften, und gingen damit viral. Eigentlich müsste das «Belvédère» eine Goldgrube sein. Doch die Fensterläden sind zu, die Türen verbarrikadiert.


Das «Belvédère» ist eine Attraktion.


Die Toilette zu benutzen, kostet im Souvenirshop einen Franken. Bezahlt wird in bar.


Der Blick aus dem Hotel in Richtung Gletsch.


Eigentümer Philipp Carlen im Rosensaal.


Rosmarie Carlen hat aufgehört, sich zu erklären. Sie hat das «Belvédère» zehn Jahre lang mit ihrem Mann geführt. «Die Leute stellen es sich völlig falsch vor, hier oben ein Hotel zu betreiben», sagt sie. Es sei wie beim Zirkus: abbauen, aufbauen, abbauen, aufbauen. Jeden Herbst räumten die Carlens alles, was nicht winterfest ist, ins Haus, vernagelten die Fenster und Türen, liessen das Wasser aus den Leitungen fliessen und stellten den Strom ab. Im Frühling, wenn der Pass noch geschlossen war, flogen sie mit dem Helikopter hoch, um die Schäden des Winters zu beheben und das Hotel wieder für die Saison aufzuwecken. «Es war eine schöne Zeit», sagt die gebürtige Walliserin. «Aber nur die ersten fünf Jahre.»


Die Carlens sind keine klassische Hoteliersfamilie. Philipp Carlen ist Anwalt, unter der Woche führt er eine Kanzlei in Brig, so wie es auch schon sein Vater, ein bekannter Rechtsprofessor, getan hatte. Und doch ist ihr Schicksal eng mit jenem des Furkapasses verwoben.


Die Queen bringt den Tourismus an der Furka ins Rollen

Angefangen hat alles 1830. In Gletsch, wo sich später die Wege zum Grimsel- und zum Furkapass verzweigen werden, entsteht ein erstes Gasthaus, das vom aufstrebenden Walliser Hotelier Alexander Seiler zum Grand Hotel Glacier du Rhône ausgebaut wird. Der Name ist keine blosse Andeutung: Der Rhonegletscher reicht zu jenem Zeitpunkt noch bis ins Tal. Es ist das erste von vier bedeutenden Hotels, die in den Folgejahren entlang der Passroute gebaut werden sollten.


Seiler versteht es, den Tourismus anzukurbeln: Einerseits ist Gletsch ein Knotenpunkt für all die Reisenden, die auf dem Weg vom Wallis nach Uri die Furka überqueren müssen – und Seiler betreibt die wichtige Pferdewechselstation. Andererseits weiss der Hotelier den Alpinismus, das neue Hobby der wohlhabenden Engländer, für sich zu nutzen: Er preist Gletsch als Ausgangspunkt für Bergsteiger an, was nicht nur die Alpinisten selbst anlockt. Die wohlhabenden Hotelgäste verfolgen die vielen Erstbesteigungen, die in diesen Jahren geschafft werden, bequem mit dem Fernglas vom Balkon aus.


Es dauert nicht lange, bis sich ein Konkurrenzbetrieb ansiedelt. Ab den 1850ern steht ein kleines Gasthaus zuoberst auf der Passhöhe. Noch führt bloss ein Trampelpfad über den Furkapass. Als aber zehn Jahre später eine Strasse gebaut wird, ruckeln die Postkutschen hoch und machen auf dem Pass halt. Nun kommen auch illustre Gäste. Allen voran Queen Victoria, die 1868 erstaunlicherweise nicht im Grand-Hotel in Gletsch absteigt, sondern im bescheidenen Hotel Furka auf der Passhöhe. Vier Tage lang belegt sie mit ihrer Entourage das gesamte Gasthaus. In ihrem Tagebuch wird sie es als «desolate little house» beschreiben, wo sie zwar tagsüber die Bergwelt genossen, nachts aber schrecklich gefroren habe. Ihre Tochter, Prinzessin Louise, hält diese Bergwelt in einem Aquarell fest: das Instagram-Bild jener Epoche.


Auch wenn die Queen nicht von ihrem Aufenthalt im Hotel Furka schwärmt: Der Ort Gletsch steht nun plötzlich in allen Reiseführern.


Es sind nicht nur die Hoteliers, die von einem solchen Boom profitieren. Auch die anderen Dorfbewohner kommen auf Ideen, womit man den Touristen das Geld aus der Tasche ziehen könnte: mit Bergtouren und Kutschenfahrten, Backwaren oder Gemälden.


Auch die Familie Carlen überlegt sich eine Einnahmequelle. Schliesslich ist die Furka geprägt von einem Naturwunder, das die Region einzigartig macht: dem Gletscher. Jahre zuvor gab es in Gletsch einmal eine Grotte. Sie verschwand aber mit dem Gletscher. Die Carlens, vormals Orgelbauer aus dem Goms, schaffen also eine neue Attraktion. Um 1870 beginnt der Urgrossvater von Philipp Carlen damit, jeden Frühling einen hundert Meter langen Eistunnel in den Rhonegletscher zu hauen. Und jedes Jahr stehen die Touristen Schlange, um den Eintrittspreis zu zahlen und ins Innere des Gletschers zu gehen. Die Carlens haben scheinbar eine Goldgrube aus Eis gefunden.


Zahlreiche Besucher kommen auf den Furkapass,

um das Hotel Belvédère zu fotografieren.


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